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Liebe Freundinnen und Freunde der Marke Eigenbau,

sechs Jahre ist diese Seite alt. Die Programmierung ebenso. Sie ist ein wenig rostig.

Wir haben uns entschlossen, unser Produktschaufenster auf der Marke-Eigenbau-Facebook-Seite weiterzuführen.

Mögt Ihr Eure wunderbaren Eigenbau-Produkte künftig hier präsentieren? Und verlinken? Und für sie Werbung machen?

Das würde uns sehr freuen.

Holm und Thomas

Geschätzte 15 Millionen Hobbybastler gibt es zurzeit in Deutschland, und es werden immer mehr; viele folgen allmählich auch der Botschaft, die Dawandas US-Vorbild Etsy den Amerikanern, die schon seit den 90er-Jahren DIY-verrückt sind, seit 2005 enorm erfolgreich nahe bringt: Jeder ist ein Künstler – und jeder kann damit zum Unternehmer werden. Wer Selbstgemachtes verkaufen will (die Eigenproduktion ist sowohl bei Etsy als auch bei Dawanda zwingend), kann einen Shop eröffnen, 20 Cent kostet ein viermonatiges “Listing” der Ware, bei erfolgreichem Verkauf werden bei Etsy 3,5 Prozent Provision fällig; bei Dawanda sind es fünf Prozent. Die wenigsten Anbieter können bislang von ihren Verkäufen leben, für die meisten ist es ein Hobby mit dem Nebeneffekt, dass man sich einer wachsenden Gemeinschaft zugehörig fühlen kann.

Die Autoren Holm Friebe und Thomas Ramge haben in ihrem 2008 erschienenen Buch “Marke Eigenbau” dennoch schon mal skizziert, wie ein Leben nach einem “Aufstand der Massen gegen die Massenproduktion” aussehen könnte: Die “Revolution des Selbermachens”, sie würde nach Ansicht von Friebe und Ramge einen Kapitalismus mit menschlichem Gesicht bewirken, bestimmt von sozial und ökologisch operierenden Mikro- und Nischenunternehmen, Open-Source-Technologien, Crowdsourcing, Coworking und digitalisierter Eigenproduktion mittels 3-D-Druckern, die nicht nur die komplette Einrichtung eines Haushalts, sondern auch gleich das ganze Haus ausspucken.

… schreibt Loraine Haist in der Welt am Sonntag.

Ausstellung: Do It Yourself: Die Mitmach-Revolution, 25. August 2011 bis 19. Februar 2012, mit einem Beitrag im Katalog von uns. Pressetext:

„Do It Yourself“ ist längst mehr als ein Heimwerker-Slogan. In vielen Bereichen unseres Lebens – ob im Design, Konsum, Arbeitsleben oder in den Medien – gewinnt das „Do It Yourself“-Prinzip an Gewicht. DIY ist Trend! Die Ausstellung im Museum für Kommunikation Frankfurt zeigt die Vielfalt und Relevanz des Selbermachens von den Amateurkulturen des 19. Jahrhunderts bis hin zur Web 2.0-Nutzung der Gegenwart.

Während das klassische „Do It Yourself“- Heimwerken in den 1910er Jahren der USA seinen Ursprung hat, gewinnt aktuell das digitale Heimwerken zunehmend Präsenz in unserem Alltag. Der Verbraucher wird zum Produzenten: er vernetzt sich nicht nur in Netzwerken und bestückt sie mit Inhalten, er teilt sein Wissen in Wikis mit der Welt. Er präsentiert sich als Autor und Redakteur, Musikproduzent und Regisseur, entwirft seine eigenen T-Shirt- und Turnschuh-Designs.

Das Web ist zu einer beliebten Plattform für die Präsentation und den Vertrieb von „Do It Yourself“-Produktionen geworden, in Blogs und Foren tauschen die Macherinnen und Macher Tipps, Tricks und Rezepte aus. Gleichzeitig erfährt offline die traditionelle Handarbeit eine unerwartete Renaissance, es werden Bäume und Zäune umstrickt, öffentliche Plätze als Nachbarschaftsgärten bepflanzt oder alte Feuerwehrschläuche zu Geldbörsen vernäht. Auch in der Ausstellung werden die Besucherinnen und Besucher selbst aktiv, beispielsweise im Mitmachbereich des „Tüftlerlabs“. Neues lernen, ausprobieren und das eigene Wissen mit anderen teilen wird in der Ausstellung großgeschrieben!

Mehr zur Ausstellung finden Sie jetzt schon auf dem Ausstellungsblog unter www.diy-ausstellung.de

Langsam aber sicher kommt das Big Picture von Marke Eigenbau” im Mainstream an. Der Freitag bringt einen großen Artikel über den “Prosumer”. Parallel schreibt Constanze Kurz in der FAZ über die Rapid-Prototyping-Revolution.

Holm Friebe im Interview mit Farah Lenser für die verdienstvolle Zeitschrift Oya.

“Plötzlich machten überall Ateliers, Werkstätten und kleine Manufakturen auf, in denen Menschen zwischen zwanzig und vierzig stehen und unbeirrt ihrer Arbeit nachgehen. Das sind Schokoladengeschäfte mit selbst angerührtem, fair gehandeltem Kakao, ein Schreiner, der sich der Gestaltung des perfekten Regals aus nicht bedrohtem Holz verschreibt, ein Gärtner, der kunstvoll verwilderte Landschaften hinter das Haus pflanzen kann. Oder ein Parkettmacher, dessen außergewöhnliche Holzböden beides sind: alte Schule und neuer Esprit.

Was zunächst nur aussah wie eine zeitgeistige Begleiterscheinung der Loha-Bewegung, des Lebensstils also, der uns Bio-Supermärkte, Slow Food und Nachhaltigkeitsdenken gebracht hatte, scheint gesellschaftlich auf fruchtbaren Boden zu fallen: Auf einmal ist es spannend, sich für die Herstellung einfachster Alltagsgegenstände zu begeistern. Beim Kaffee interessiert nicht mehr nur der Feinheitsgrad der Mahlung, sondern auch das Zusammenspiel aus Wasser, Druck und Hitze in der allerbesten Maschine. Papier muss handgeschöpft sein und die Adressen des perfekten Visitenkartendruckers gibt man verschwörerisch weiter wie die Telefonnummer eines neu entdeckten Restaurants. ”

… schreibt Eckhart Nickel heute in einer lesenswerten Geschichte im SZ-Magazin.

Aus der Flut der Gratismagazine sticht dieses neue Heft angenehm hervor, indem es ästhetisch ansprechend und sympathisch subjektiv Web-Themen und -Inhalte zu Papier bringt. In der Nullnummer finden sich viele alte Bekannte wieder, darunter die Hardtplatzhelden vor dem BGH, Dawanda, MyParfuem und Philipp Steffen erklärt noch einmal die bunte Welt des Baustelns. Das Heft liegt gratis in Berlin aus, unter anderem im newthinkingstore in der Tucholkystr. Es kann aber auch hier als PDF heruntergeladen werden. Wir sind gespannt, wie, hoffen, dass es weitergeht und drücken die Daumen für dieses schöne Projekt.

Wir wurden ausgiebig für einen Artikel im Kölner Stadtanzeiger interviewt, der es auch in die Berliner Zeitung geschafft hat. Unabhänging von unseren Zitaten: Ein wirklich lesenswerter Artikel.

Soeben erschienen: der Wegweiser Solidarische Ökonomie, ein kleines und nützliches Bändchen der AG Spak, die seit über 30 Jahren selbstorganisierte Initiativen und Projekte unterstützt. Ohne großen ideologischen Überbau zeigt Autorin Elisabeth Voß eine Zusammenschau von Praxisbeispielen für solidarische Ökonomie und Marke Eigenbau, angefangen von selbstverwalteten Betrieben über autonome Hausprojekte bis zur genossenschaftlichen Abwasserwirtschaft. Anknüpfend an Arndt Neumanns Kleine Geile Firmen bleibt dabei die Fragestellung nach dem emanzipatorischen Potential solcher Eigeninitiativen stets im Blickfeld. Empfehlung: Strong buy!

Etwas verspätet, aber brutal interessant: Chris Anderson in WIRED über die “Next Industrial Revolution”. Atome sind die neuen Bits und endlich gibt es das marktreife Open-Source-Car. Bei der Gelegenheit auschecken: Ponoko.com, ein Start-up mit Geschäftsmodell auf Fabbing-Basis, das im Artikel nicht vorkommt.

Spät angekündigt, aber doch: Ab morgen findet im Berliner IMA Design Village und im Beta-Haus das rund dreitägige Atoms and Bits-Camp zum bereits andauernden gleichnamigen “Festival of thinking, making, doing” statt. Die Themen sind, kurz gesagt, die unseres Buches: Es geht um Ökonomie, DIY, Hardhacking, Coworking und den ganzen Rest. Es wird sich lohnen.

Die Agentur Jung von Matt, meldet Horizont, hat den Pitch für den Etat des Eichborn Verlages gewonnen. Neues Logo, neues Corporate Design, neue Buchcover:

“Elementarer Bestandteil aller Werbemittel ist die Neuinszenierung des Logos mit der Fliege. Dieses wird künftig als gesprühtes Schablonen-Graffiti umgesetzt. Begründung: “Genauso wie Fliegen tauchen Graffitis im Stadtbild überraschend und an unerwarteten Stellen auf und lassen sich nicht einfach wegwischen”, heißt in einer Pressemitteilung. Deshalb werde das Eichborn-Logo auf Buchcovern nie an derselben Stelle platziert, sondern in unterschiedlichen Farben über den Titel gesprüht.”

Was soll man sagen? Eine Hammer-Idee, die sicher nächstes Jahr ADC-Gold gewinnen wird! Aber irgendwie kommt sie uns bekannt vor…

Ein Debattenbeitrag von mir für Jungle World zur Marke Eigenbau in der gegenwärtigen Wirtschaftskrise:

Zurück zum menschlichen Maßstab!

Die Krise stellt die Organisationsform des multinationalen Konzerns in Frage. Zugleich entstehen kleinteiligere Nischenmärkte, die das Potential zu einer huma­neren Wirtschaft haben.

VON HOLM FRIEBE

Das Heimtückische an dieser Krise ist, dass sie auch diejenigen betrifft, die es am wenigsten verdient haben. Die Geiselhaft, in die uns die Banker genommen haben, ohne dass wir es ­bemerkt hätten, war kein Bluff. Vielmehr eine Form des Pyramidenspiels, von dem einige ­lan­ge Zeit gut gelebt haben, aus dem wenige rechtzeitig ausgestiegen sind und für dessen Kosten nun alle aufkommen. Die zurechnungsfähigeren unter den Ökonomen gehen von fünf bis sieben mageren Jahren aus. Und davon, dass die Weltwirtschaft, das gesamte wirtschaftliche Gefüge anschließend nicht mehr wiederzuerkennen sein wird. Klar ist, dass danach nicht mehr, wie in Großbritannien, über zehn Prozent der Bevölkerung im Finanzsektor arbeiten, oder, wie in Deutschland, aus einer hochgetunten Exportwirtschaft 25 Prozent Rendite gepresst werden können.

In welchem Ausmaß die Krise aber bei jedem einzelnen hinlangt, hängt stark von dessen Branche, Beruf und Background ab. Von daher scheint es kaltschnäuzig und verstiegen, die Marke Eigenbau als universelle Alternative anzukündigen, ganz zu schweigen vom Aufstand der Massen gegen die Massenproduktion. Der Run auf die Abwrackprämie und die Krisenkonjunktur von Aldi, Lidl, Kik und Zeeman sprechen eine deutlich andere Sprache. Die Flucht in Schrebergarten und Heimwerker-Baumarkt verspricht keine Lösung, wenn das Haushaltseinkommen verschwindet, sondern allenfalls Linderung. Der Weg zurück in die karge Autarkie vorindustrieller Subsistenzwirtschaft ist verbaut. Und niemand – ein paar Landkommunen-Hippies ausgenommen – hat die Absicht, in Zukunft alles selbst zu machen. Wir wollen ja sogar die I-Phones und Swiffer-Staubmagneten aus der guten alten Massenproduktion.

Aber wir sollten auch unsentimental begreifen, dass durch die Krise beschleunigt ein paar der noch aus der Industrie-Ära herüberragenden Groß­strukturen abgeräumt werden, die es vielleicht auch sonst nicht mehr lange gemacht hätten und um die es nicht einmal schade ist. Zur Disposi­tion steht die Organisationsform des multinationalen Konzerns, wie wir ihn kennen und nicht unbedingt schätzen. »Unbundeling the Corporation«, die Entbündelung des Konzerns, nennt das der Unternehmensberater John Hagel III – durchaus noch im Geiste der kapitalistischen Effizienzsteigerung. Sein Kollege Don Tapscott geht so weit, im »Wikinomics«-Prinzip, der emergenten Selbstorganisation kleiner Einheiten, ein neues ökonomisches Paradigma zu erkennen. Dahinter scheint etwas auf, das der buddhistisch inspirierte Ökonom E.F. Schumacher schon in den frühen Siebzigern als »intermediäre Technologie« eingefordert hatte, sprich: als Rückkehr zu einer Wirtschaft im menschlichen Maßstab. Alle, die es unter der Maximalforderung Kommunismus machen, dürften sich darauf verständigen können, dass eine kleinteiliger strukturierte Marktwirtschaft mit weniger Kapitalismus und mehr Nähe und Transparenz zwischen Produzenten und Konsumenten eine Verbesserung gegenüber dem Status quo ante darstellt.

Selbst die vom Produkt losgelösten Marketing-Strategien der Großkonzerne, an denen sich ­Naomi Klein vor knapp zehn Jahren mit »No Logo« noch so verdienstvoll abarbeiten konnte, funktionieren in der Krise nicht mehr. In ihrem aktuellen Buch »The Brand Bubble« konstatieren die Markenexperten John Gerzemar und Ed Lebar – zusätzlich zur Immobilien- und Finanzblase – eine billionenschwere Markenwert-Blase, die dadurch zustande kommt, dass die Bewertungs­ansätze für Marken in den Börsenkursen nicht mehr durch Konsumentenloyalität gedeckt sind. Dagegen steht die Marke Eigenbau im perfekten Sturm noch vergleichsweise gut dar. Gemeint ist damit explizit nicht das Selbermachen für den Eigenbedarf, sondern die Summe der Nischenmärkte, in denen neue Formen einer solidarischen Ökonomie ausgetestet werden und handgemachte Produkte kleiner Produzenten wahren Distinktionsgewinn versprechen. »Vielleicht ist im Zeitalter des Hyper-Materialismus, von Paris Hilton und Tausend-Dollar-›It‹-Bags das Selbermachen von Dingen die ultimative Form der Rebellion,« schrieb Jean Railla, eine Galionsfigur der neuen Crafting-Bewegung in den USA, noch vor der Wirtschaftskrise und vielleicht etwas blauäugig. Aber Tatsache ist, dass – verstärkt durch das Internet und analog zur Gegenöffentlichkeit der Blogs und des Web 2.0 – eine Art robuster Gegenökonomie im Entstehen begriffen ist, die durchaus das Versprechen einer insgesamt humaneren Wirtschaft birgt. Natürliche Voraussetzung dafür sind allerdings neben dem Bewusstseinswandel auch frei disponible Einkommensspitzen, die in strategischen Konsum umgelenkt werden können. Da wiederum beißt uns die Krise in den Long Tail.

Und die Replik (vollständigkeitshalber).

Marke EigenbaulerInnen, aufgemerkt! Im Rahmen des zufälligerweise von mir (Holm) kuratierten 5 Gum Vision Labs am 24. und 25. Juni in Berlin  gibt es die Möglichkeit, a) das eigene Projekt umfangreich auf der stylischen Website zu präsentieren, b) mit einer Gruppe von bis zu drei Leuten am zweitägigen Event-Workshop mit hochkarätigen Experten teilzunehmen, c) 10.000 Euro zu gewinnen. Das ganze insofern, als Euere Marke Eigenbau irgendwie mit den fünf Sinnen (oder einer beliebigen Kombination derer) zu tun hat. Da sollte doch was gehen…

Ganz im Geiste der Marke Eigenbau hat Philip Steffan das Kunstwort “bausteln” für “kreativ selbst etwas erschaffen” erfunden, die Website bausteln.de “zur Demokratisierung des Produktionswissens” aufgesetzt und gestern nach dem Vorbild des Webmontags zum ersten Mal den Baustel-Montag im Neuköllner Selfmade-Lokal ORI ausgerichtet. Die Präsentationen reichten von den Hardcore-Hackern von hardhack.org bis zum Soft-Idealismus von Pippa Buchanan, die einen Master für DIY initiieren möchte. Das Projekt Fritzing von der FH Potsdam zeigte den Weg von der Lötplatine zur customisierten eigenen Hardware auf, und  Hannes Hesse stellte seinen Bubblegum Sequncer vor. Am Ende gab es für Möchtegern-Hacker das Arduino-Einsteigerset zum Einführungspreis von 45,- Euro. Alles in allem eine sehr inspirierende und zukunftsweisende Veranstaltung, die am 6. April in die zweite Runde gehen soll. img_0236

Hermann L. Gremliza startete in seiner Kolumne im Januar-Heft von konkret eine Umfrage, auf die in den folgenden beiden Heften u.a. Dietmar Dath, Robert Kurz, Elmar Altvater und Jutta Ditfurth reagierten. Gremliza schrieb:

“Wir haben in den Abgrund geblickt.” Täglich, stündlich, vor zehn Minuten im Fernsehen bei “Anne Will” zuletzt repetiert es ein Banker, ein Unternehmer, ein Politiker oder einer ihrer journalistischen Kötelbrummer: Fürchtet euch! Keiner sagt: wovor? Wenn nicht heute noch geschieht, was die Deutsche Bank verlangt oder der Daimler, sei morgen schon alles zu spät. Keiner sagt: wofür? Was wäre denn, wenn ein paar Banken oder Konzerne pleite gingen? Führe der Bus nicht mehr? Gäb’s bei Lidl keine Jogginganzüge aus Ballonseide mehr? Fiele die Heizung aus? Müßten Millionen obdachloser Proleten in Armenküchen ernährt werden? Erlebte man die Anwälte und Zahnärzte beim Abweiden ihrer Golfplätze? Oder ist Weltuntergang und keiner geht hin?

Hier meine – zugegeben gleichermaßen zögerlich unter dem Eindruck sich überschlagender Ereignisse stehend formulierte – Antwort aus dem Januar, veröffentlicht im aktuellen März-Heft von konkret:

Irgendwie erinnert alles im Zusammenhang dieser Krise an Stanislav Lems Erzählung „Vom Nutzen des Drachen“: Auf dem Planeten „Abrasien“ im Sternbild des Walfischs lebt ein riesiger Drachen, der weniger dem herkömmlichen Bild vom Drachen ähnelt, vielmehr einer „Bergkkamm, der mit reichlich geleeartigem Brunnenwasser übergossen wurde“, und durch seine Ausscheidungen, Ausdünstungen und Bewegungen weite Teile der Anrainerstaaten in Mitleidenschaft zieht. „Von Zeit zu Zeit blähte er sich auf und überschwemmt die Grenzgebiete mit den Resten der verbrauchten Artikel, und bei Schlechtwetter stank er tausend Kilometer weit.“ Niemand weiß mehr, wie der Drache entstanden ist – einige vermuten, aus einer mutierten Schnecke -, aber die gesamte Wirtschaftsstruktur des Planeten ist auf die Mästung des Untiers ausgerichtet. Pro Tag verschlingt es 1800000 Tonnen Lebensmittel, die in Güterzügen und Pipelines angeliefert werden. Ein ganzer akademischer Apparat ist mit der Erforschung der Stoffwechselvorgänge befasst in der Hoffnung, dass sich durch eine noch  besser abgestimmte Diät die Geruchsbelästigung reduzieren und das Wohlverhalten des Drachens fördern ließe. Immerhin hängen 146000 Arbeitsplätze mittel- und unmittelbar an den drachenreleevanten Industrien.

Die naive Frage von Lems Forschungsreisenden Ijon Tichy, warum man das Getüm nicht einfach verhungern lasse und die Mittel zum direkten Nutzen der Bevölkerung einsetze, weist ein führender Drachenforscher als hoffnungslos rückständig und unpraktikabel zurück: „Stellen sie sich die Ausdünstungen vor, die von einem solchen Kadaver ausgingen. Zweitens würden die Banken zusammenkrachen – Zusammenbruch des monetarischen Systems. Es käme zu einer schrecklichen Katastrophe, Fremdling.“ Die moderne Strategie im Umgang ziele demnach auf „Domestifikation und Pazifikation“ ab: „In jüngster Zeit werden ihm riesige Mengen Süßigkeiten verabreicht. Süßigkeiten hat er sehr gern.“ Im Übrigen sei der Drache längst zur historischen Notwendigkeit geworden, zur Staatsräson: „Ein wichtiger Faktor, der unseren vereinten Anstrengungen einen festen Sinn gibt.“

Damit ist eigentlich alles gesagt. Wie der Drache, so sind auch die hypertrophen Banken und die ölfixierte Automobilindustrie angeblich „too big to fail“. Dass der magische Realismus der Banker mit Renditen jenseits von Teuerungsrate und Produktivitätszuwächsen notwendigerweise der Pyramidenspiel-Logik folgte, hätte jedem vernunftbegabten und halbwegs volkswirtschaftlich beschlagenen Beobachter klar sein können, ebenso wie die Tatsache, dass der motorisierte Personenindividualverkehr längst abgeschafft gehört. Beides mit Staatsknete am Leben zu erhalten, gilt als Staatsräson. Wenn jetzt tatsächlich eine neue Ära des Keynsianismus anbricht, wäre es eigentlich angezeigt, auch die Links-Keynsianerin Joan Robinson zu konsultieren, die anmahnt, Wirtschafts- und Konjunkturprogramme mit Überlegungen zu gesellschaftlich gewollter und sinnvoller Produktion zu verknüpfen. Aber da wird der Drache vor sein.

Eva Glaum schreibt uns:

Sehr geehrter Herr Friebe, sehr geehrter Herr Ramge,

Ihr Buch hat bei uns den Nerv getroffen, – ich bin gerade dabei, eine Besprechung für unser Online-Magazin zu schreiben.

Unser Portal Old-Q.de – Reif für die Zukunft möchte ich Ihnen kurz vorstellen, als neues Stück für Ihre Sammlung und Variation des Themas: Vor dem Hintergrund des demographischen Wandels befassen wir uns mit Fragen der Gestaltung von Gegenwart und Zukunft. Die Mikro-Ökonomie spielt dabei eine wesentliche Rolle.

In den USA sind die Über-45-Jährigen bereits die größte Gründer-Gruppe, in Deutschland ist deren Anteil noch viel geringer als ihrem Bevölkerungs-Anteil entspricht. Old-Q.de will Menschen mit viel Erfahrung dazu ermutigen, den Schritt in die Selbständigkeit zu wagen. Gerade in der Lebensmitte und aufwärts ist dies eine große Chance – oftmals die einzige, da Älteren der Arbeitsmarkt trotz drohenden Fachkräftemangels verschlossen bleibt und Rentenlücke und Altersarmut drohen. Finanziell kann Deutschland es sich gar nicht leisten, fast 50% der Bevölkerung einfach in den (Vor-)Ruhestand zu schicken! Vor allem aber wird deren brachliegende Kompetenz dringend gebraucht, um die Zukunft zu gestalten.

Old-Q.de ist ein Internet-Marktplatz Marke Eigenbau, exklusiv für Mikro-Unternehmen von Menschen über 40:  Unser Firmen-Finder meisterhaft bietet Klasse statt Masse. Alle Anbieter sind Meister ihres Faches, die für die ausgereifte Qualität ihrer Arbeit bürgen. Anders als Manufactum sind wir nicht Zwischenhändler, sondern Informationsvermittler, und nehmen sowohl Produzenten als auch Dienstleister auf. Wir wollen die Bandbreite von Mikro-Unternehmen präsentieren, die Traditionen erhalten oder die Basisversorgung sichern, aber auch findig und flexibel Nischen besetzen und Innovationen aller Art entwickeln.

Die Power dieser ganz kleinen Unternehmen stellen wir auch im zweiten Teil
des Portals vor, im Magazin weitsichtig (wo es auch um andere Themen geht). Beispielhaft dafür sind die Schwerpunkte Klein-Unternehmen und Demographischer Wandel (unter der Rubrik Brot und Spiele) oder die Reihe Portraits, wo spannende oder exemplarische Beispiele aus unserem Firmen-Finder vorgestellt werden, als Gründer ‚im besten Alter’ oder mit bemerkenswerten Aktivitäten.

Für einen Produkt-Eintrag auf Ihrer Web-Seite scheint mir Old-Q.de nicht geeignet, aber vielleicht gibt es eine andere Möglichkeit, das Portal in Ihre Sammlung aufzunehmen. Über eine Rückmeldung von Ihnen würde ich mich sehr freuen.

Mit freundlichen Grüßen
Eva Glaum

Liebe Eva Glaum, hiermit gern geschehen. Tolles Projekt, weiter so und viel Erfolg!

Das Ladenlokal in der Neuköllner Karl-Marx-Straße 141 sieht aus, als sei ein Manufactum-Warenhaus frontal mit eine Filiale von Conny’s Container kollidiert und explodiert: Emaillierte Blecheimer und Gießkannen stehen auf dem Boden neben quietschbuntem Plastikspielzeug und burlesk handbemaltem Porzellan. An der Wand hängen hölzerne Axt-, Hammer- und Spatenstile in Petersburger Hängung, auf einer Kleiderstange neonfarbene Berufsbekleidung für Polizei- und Katastrophenkräfte. Dazwischen immer wieder Plüschpuppen  des Zeichentrick-Maulwurfs “Krtek”, bekannt aus der „Sendung mit der Maus“. Unvoreingenommen lokale Laufkundschaft, die durch Zufall in den zum „Le Grand Magasin“ umfunktionierten Teil des Saalbaus Neukölln stolpert, dürfte sich mit Fug und Recht wundern, was eine handgefertigtes Puppenbett aus Frankreich (Moulin Roty, 100 €), eine Mohnmühle mit Saugfuß aus der Slowakei (Slovenská l’udová majolika, 29 €), eine Italienische Designerkommode (COEF, 1500 €) und eine Geschirrspülautomat aus dem Baskenland (Fagor, 443,50 €) miteinander zu tun haben. Das fehlende Bindeglied  ist, dass diese Produkte und alle anderen hier ausgestellten und zum Verkauf stehenden aus der Produktion von Genossenschaftsbetrieben – die meisten davon in Osteuropa – stammen. Zusammengetragen  hat die „Leistungsschau europäischer Produktivgenossenschaften“ der Künstler Andreas Wegner.

Wie beim Genossenschaftsgedanken selbst, der um eine demokratische und solidarische Ökonomie kreist, geht es bei diesem vom Kulturamt Neukölln, der Kulturstiftung des Bundes und der EU geförderten Kunstprojekt nicht zuvorderst um Profitmaximierung und Abverkauf. Wegner geht es um exemplarische Bewusstmachung: „Einer Ware sieht man nicht an, wie sie produziert wurde“, heißt es auf der hübsch gestalteten Website. Zwar legten die Verbraucher neuerdings Wert darauf, dass die Milch von glücklichen Kühen stammt, „im allgemeinen entscheidet man sich jedoch nicht für ein Produkt, weil die Produzenten eine angenehme Arbeit haben.“  So disparat, wie das Spektrum der kompilierten Produkte ist dabei auch die Interpretation von Genossenschaft in den einzelnen Fällen und Ländern; angefangen von der Landkommune bis hin zur Wohnbaugenossenschaft. Von daher hat „Le Grand Magasin“ auch  weniger die Rechtsform im Blick, als allgemein „alternative Formen des Handelns, der Produktion und des Konsums“, weswegen etwa auch das Strike Bike aus Thüringen vertreten ist, obwohl dahinter inzwischen eine GmbH steht. Ich verlasse die Ausstellung, die in den Räumen noch bis zum 19. Februar läuft, mit einem Einhandschaufelbagger „Nakladač“ in lindgrünem Plastik (Směr, 6,80 €) und einem Wellenschliff-Obstmesser „Trend“ (KDS, 9,40 €) – sowie dem guten Gefühl, ein paar Kollektivarbeiter in Tschechien der Utopie von der guten Arbeit im Kapitalismus ein Stück näher gebracht zu haben.

Erscheint so oder ähnlich auch in der Berliner Zeitung

Coworking Event

Coworking Event, 13.12.2008 Newthinking-Store

Einen Tag lang so arbeiten, wie man leben will und umgekehrt: Während sich draußen der Konzernkapitalismus immer weiter gehackt legte, gab der von Sebastian Sooth (hallenprojekt.de) und Markus Albers (“Morgen komme Ich später rein”) Coworkingtag am 13. Dezember 2008 im Berliner Newthinking Store einen Vorgeschmack darauf, wie die entspannte, inspirierende, selbstbestimmte und soziale Wertschöpfung der Zukunft idealerweise aussehen könnte. Anscheinend ist ja der Ideale Coworking-Space das Leichte, das so schwer zu machen ist. Andererseits ist es auch keine Raketenwissenschaft, wenn man weiß, worauf es ankommt: Es gab nicht nur WLAN satt, sondern auch ausreichend Steckdosen, eine gute Mischung aus konzentrierter Arbeitsathmosphäre und zwangloser Ablenkung. (Nur die Lager- und Liegemöglichkeiten fehlten aus Platzgründen noch, wie Kathrin Passig zu Recht monierte.) Festangestellte konnten sich von ihrem Arbeitgeber mittels Formular (PDF) freistellen lassen, um schon einmal den süßen Vorgeschmack der Arbeit Marke Eigenbau zu kosten. Ab 9 Uhr morgens füllten sich die Schreibtische mit Leuten, die einerseits bewiesen, dass, wer viel Zeit hinter einem Laptopbildschirm verbringt, nicht notwendigerweise asozial ist, andererseits: Multitaskingfähigkeit. Denn parallel liefen die Paneldiskussionen zu den Themenkomplexen: Schöner Arbeiten, Prokrastinieren und neue Formen des Produzierens. Tatsächlich wird währenddessen gearbeitet. (Während ich diesen Eintrag produziere, frisiert neben mir eine PR-Agentin ihren Lebenslauf. Am Ende des Tages werde ich endlich mal wieder on top meiner Emails sein.) Bleibt die Frage: Warum kann nicht jeder Tag Coworkingtag sein? Die schlichte und bestechende Antwort: Schafft zwei, drei, viele Hallen!

Wer einen Hammer hat, sieht überall Nägel, sagt man. Von daher ist es kein Wunder, dass uns momentan von allen Ecken das “Marke Eigenbau”-Thema begegnet. Vor allem, weil ja vermutlich wirklich etwas dran ist, und man zumindest so viel über die Finanzkrise schon einmal sagen kann, dass die Realwirtschaft an Bedeutung gewinnt und eine Kleinteilige und an der realen Produktion orientierte Wirtschaftsstruktur insgesamt weniger krisenanfällig wäre. “Craft makes a comeback” titelt die aktuelle Ausgabe von Monocle. Und führt schlagende Beispiele an, die belegen, dass China als Fabrik der Welt aus der Mode kommt zugunsten von Traditionsstandorten:

“Made In Where You Think It Should Be Made Inc” is enjoying a revival (aided by customers who are wising up to Danish furniture made in Asia or Italian shoes that are not assembled in the home of footwear).

Eine Weltkarte der Zentren althergebrachter Handwerkskunst rundet das Bild ab. Passend dazu hält Herausgeber Tyler Brule in seiner Kolumne über Stadtpolitik ein Plädoyer für die Bewahrung innerstädtischer Produktionsstandorte physischer Güter, sprich Manufakturen. Stadtentwickler müssten begreifen, dass diese Betriebe für ein gesundes und ausgeglichenes Stadtklima ebenso wichtig seien, wie (der Rest von) Richard Floridas Creative Class. Eine Forderung, die wir uns nur zu gern zueigen machen. Im Sinne des Hammers.

Vielleicht aus aktuellem Anlass, da das namensgebende und sinnstiftende Buch zu dieser Seite morgen den offiziellen Erscheinungstermin und Erstverkaufstag hat, an dieser Stelle einige Antworten auf Fragen, die uns häufig so noch nicht gestellt wurden:

1. Ja, die Flecken und Tropfen, die Fingerabdrücke, der Sprühnebel auf Cover, Rücken und Schnittkante sind Absicht. Alles ist Absicht bei einem Buch, bei dem jedes einzelne Exemplar der Erstauflage in Handarbeit vollendet wurde. Mit anderen Worten: Es gehört zum Konzept und ist kein Grund für nachträgliche Reklamationen. Daraus ergeben sich fast schon alle weiteren Punkte

2. Nein, das Buch gibt es nicht in mauve-metallic. Jedenfalls kann man es nicht in mauve-metallic bestellen. Es gibt insgesamt ca. 80 verschiedene Farben inklusive neon, gold und silber, aber mauve-metallic ist nicht darunter. Jedes 50. Exemplar wurde mit einer aufwendigen Zweifarb-Lackierung versehen. Die Farben sind auf den Paletten wild gemischt. Auch der Buchhandel hat keinen Einfluss auf die Auswahl und Zusammenstellung. Das heißt mit anderen Worten: man kann nicht zum Buchhändler gehen und ein grünes bestellen, oder ein rotes gegen ein gelbes tauschen wollen. Bei Online-Bestellungen gilt das Prinzip Wundertüte. Wer seine Lieblingsfarbe auf dem Cover haben möchte, muss früh aufstehen und Buchhandlungen abklappern

3. Nein, es gibt keine Blanko-Bücher zum selbst customizen und pimpen. Jedenfalls nicht im freien Handel. Zwar wäre das durchaus im Geiste des Buches gewesen, aber leider nicht praktikabel. Wir haben aber ein paar hundert Blanko-Exemplare mitproduzieren lassen und damit auf Lesungen und Veranstaltungen die Möglichkeit, Bücher nach individuellen Wünschen zu sprühen. Zum Beispiel bei unserer Buchpremiere am 29. September im Radialsystem. Auch einzelne Buchhandlungen haben die Möglichkeit, solche Aktionen durchzuführen. Die Termine entnehmen Sie bitte der Tagespresse oder dieser Website.

Bei weiteren Fragen stehen je nachdem die Autoren oder die Presseabteilung von Campus gern Rede und Antwort.

Liebe Leser, liebe Nutzer, liebe Freunde der Revolution des Selbermachens,

marke-eigenbau.org ist die Seite zu einem Wirtschaftssachbuch. Und diese Seite ist gleichzeitig eine Art Praxistest zum Buch. Unsere Monografie “Marke Eigenbau” beschreibt die schrittweise Abkehr von der Massenproduktion, wie wir sie aus der Industriegesellschaft kennen, hin zu einer kleinteiliger strukturierten Ökonomie, in der individuelle, authentische Produkte von kleinen Labels immer größere Marktanteile erobern. marke-eigenbau.org zeigt, wie vielfältig diese Warenwelt bereits heute ist. Wir wollen sie zu einem Kompendium guter, schöner, interessanter, gerne auch handgemachter Dinge entwickeln. Dazu brauchen wir Hilfe. Jede Freundin, jeder Freund von Eigenbau-Marken ist aufgerufen, indiviudelle Produkte hochzuladen und damit andere auf diese aufmerksam zu machen. Dazu ist keine Registrierung notwendig. Nur ein Foto, eine kurze Beschreibung und am besten ein Link, der zu mehr Informationen führt. Wir sind sehr gespannt, wie unser Praxistest in den kommenden Monaten verläuft. Vorab schon Dank an alle, die uns dabei helfen wollen. Und natürlich sind wir auch sehr auf Reaktionen zu unserem Buch gespannt. Aktualisierte Hinweise zum Inhalt und zu Veranstaltungen werden auf dieser Seite natürlich auch immer zu finden sein.

Holm Friebe und Thomas Ramge

PS: Wir sind übrigens in keiner Form am Vertrieb der Produkte auf marke-eigenbau.org beteiligt oder in irgendeiner Form provisioniert. Das Hochladen von Produkten ist selbstverständlich kostenlos.